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Zusammenfassung

Gestern habe ich darüber gesprochen, dass alle Objekte einen konventionellen und einen letztlichen Aspekt haben. In Bezug auf den Geist bedeutet dies, dass er ein konventionelles Objekt ist und seine letztliche Art des Bestehens zur Letztlichen Wahrheit gehört. Das konventionelle Merkmal des Geistes ist es, klar zu sein, das heißt keine materiellen Aspekte zu besitzen, sowie erkennend zu sein, das heißt Objekte zu erkennen.

Kurz gesagt ist der Geist etwas, das in Abhängigkeit vieler Ursachen und Umstände besteht. Ursachen des Geistes sind die vorherigen Augenblicke eines spezifischen Zustandes. Die Umstände, die zum Auftreten eines Geisteszustandes führen, sind folgende: Als äußerer Umstand dient das Objekt, das der Geist erfasst. Es wird als „Bezugsumstand“ bezeichnet; das Organ des Geisteszustands oder die Grundlage, auf dem er entsteht, als „Besitzumstand“; und der augenblicklich vorhergehende Zustand, der zum Entstehen des nachfolgenden führt, als „augenblicklicher Umstand“. In Abhängigkeit dieser drei Umstände entsteht Geist. Geist ist also vom Objekt abhängig. Unabhängig von einem Objekt kann man nicht von Geist sprechen.

Gestern verdeutlichten wir ferner, dass die Bewusstseine der äußeren Sinne auf der Grundlage des physischen Organes des entsprechenden Sinnes entstehen, welches wir als „Besitzumstand“ bezeichneten. Wenn wir hier vom physischen Organ sprechen, dann wäre es falsch, sich darunter das grobe Auge, die Ohrmuschel oder die Nase vorzustellen, so wie wir sie von außen sehen. Diese werden lediglich als die „Hülle“ des Sinnesorgans bezeichnet.

Das eigentliche Sehorgan ist vielmehr ein äußerst subtiles materielles Objekt im Inneren dieser Hülle des groben physischen Auges. In entsprechender Weise befindet sich das Hörorgan als subtile Substanz im Inneren des Ohrs und das Riechorgan im Inneren der Nase. Das eigentliche Geschmacksorgan befindet sich an der Wurzel der Zunge. Die Zunge selbst ist also die Hülle, an dessen Wurzel sich etwas befindet, was man in westlicher Terminologie wahrscheinlich als „Zellen“ bezeichnen würde - spezielle Zellen, die die Form eines zunehmenden Halbmondes haben und die die eigentliche Erfahrung auslösen. Das Erfahren des Geschmacks beim Essen findet demnach in erster Linie von der Mitte bis zum hinteren Teil der Zunge statt, nicht so sehr in der Spitze der Zunge. Das Tastorgan wird als ein Organ beschrieben, das sich zwischen dem Fleisch und der äußeren Haut befindet, also etwas unterhalb dessen, was wir von außen als Haut sehen können.

Diese Details, diese Funktionen und Eigenschaften des eigentlichen Organs sind in den Schriften sehr genau beschrieben. Dies alles hier wiederzugeben würde zuviel Zeit in Anspruch nehmen. Der Vorgang des Entstehens solcher Erfahrungen ist folgender: In Abhängigkeit der subtilen Form oder Materie, die das eigentliche Organ darstellt, entstehen die subtilen Energien, die dann zum entsprechenden Geisteszustand führen.

Der schon erwähnte Denksinn hat auch seine subtilen Energien, die die Grundlage bilden für die Zustände des Denkbewusstseins. Sie befinden sich in kleinsten Zellen an ganz spezifischen, ebenfalls schon erwähnten Orten des Körpers. In erster Linie wirken diese subtilen Energien und diese Zustände des Denkbewusstseins im Scheitel-, im Hals- und im Herzzentrum. Sie sind auch in anderen Zentren aktiv, überdecken im Weiteren aber auch den ganzen Körper.

Ferner haben wir unterschieden zwischen gröberen und feineren Zuständen, die der Geist annimmt: dem Wach-, Traum-, Schlaf- und Todeszustand und so weiter. Es gibt viele weitere Situationen im Leben, in denen sich die gröberen Zustände des Geistes auflösen und zu feineren werden, sie gewissermaßen auf subtilere hinunterfallen, wie zum Beispiel beim Niesen, beim Gähnen, beim Orgasmus oder wenn man ohnmächtig wird. Es handelt sich hier um kurze Augenblicke, die auch mit einer sehr kurzen Bewusstlosigkeit einhergehen - sowohl beim Niesen und Gähnen als auch beim Orgasmus. Das heißt nicht, dass in diesen Momenten kein Geisteszustand vorhanden ist, vielmehr zerfallen die groben Zustände für einen Augenblick, so dass sie für diese kurze Zeit nicht vorhanden sind. Es sind aber nur kurze Zeitspannen, in denen solche subtile Zustände auftreten, weshalb diese dann auch zumeist Erscheinend, aber unverstandene Geisteszustände sind. Wesentlich deutlicher ist das Auftreten subtilerer Geisteszustände im Prozess des Todes, wenn sich die groben Zustände der Reihe nach endgültig für dieses Leben auflösen, bis am Ende der Zustand des Klaren Lichtes als der allersubtilste Zustand erreicht ist. In diesem Prozess der Auflösung aller groben Zustände stehen die Sinnesbewusstseine ganz am Anfang.

Wir sehen also, dass das Denkbewusstsein viele unterschiedliche Stufen der Feinheit hat. Immer aber, ganz gleich ob grob oder fein, hat das Denkbewusstsein als Grundlage einen Begleiter, und das ist die entsprechende subtile Energie. Die subtilen Energien stellen die Verbindung zwischen den Geisteszuständen und dem groben Körper her - in diesem Leben mit diesem Körper, nach dem Ende dieses Lebens, wenn dann eine weitere Existenz erfahren wird, wiederum mit dem Körper dieses nachfolgenden Lebens.

In den vergangenen Tagen haben wir also zunächst kurz die allgemeinen Funktionen und Eigenschaften des Geistes beschrieben, wie der Geist im Körper funktioniert, wie er in Verbindung mit dem Körper existiert, was seine Natur ist, nämlich klar und erkennend zu sein, und wie er dann in Bezug auf seine Natur unterteilt wird, wie also dieser Geist, der als klar und erkennend beschrieben wurde, weiter zu klassifizieren ist. Bei dieser Unterteilung kamen wir zu der Unterscheidung zwischen Primärerkenntnis und Nicht-Primärerkenntnis. Primärerkenntnis teilten wir weiter auf in Primärwahrnehmung und Primärschlussfolgerung. Dies waren die gestrigen Erklärungen.

Hierbei ist es wichtig zu erinnern, dass alle diese Unterteilungen Resultate von Analysen der konventionellen Natur des Geistes sind. Die letztliche Natur des Geistes besteht in seiner Eigenschaft, leer von Eigennatur zu sein. In dieser letztlichen Weise des Bestehens unterscheidet sich der Geist nicht von anderen Objekt. So ist die letztliche Art des Bestehens von Form ebenfalls das Leersein von Eigennatur. Dies ist der Grund, warum gesagt wird, dass in Bezug auf die Leerheit alle Objekte „von gleichem Geschmack“ sind. Leer von Eigennatur, leer von innewohnender Existenz, leer von einer unabhängigen Natur zu sein, ist also die Eigenschaft aller Objekte in Bezug auf ihre letztliche Art des Bestehens - da gibt es nichts Besseres und nichts Schlechteres. Diesbezüglich gibt es dann auch keine weiteren vielfältigen Klassifikationen und Unterteilungen zu beschreiben.

Das, wovon wir also nun sprechen, ist die konventionelle Art des Bestehens des Geistes mit seinen diesbezüglichen Unterteilungen. Obwohl der Geist leer von einer unabhängigen Natur ist, ist er dennoch nicht inexistent. Es gibt vielmehr einen Geist, der in Abhängigkeit von Ursachen und Umständen, von Teilen, von Name und Vorstellung besteht. Und es gibt ihn nicht einfach nur, er stellt zudem noch für uns das allerwichtigste Objekt dar. Über diesen Geist, der in abhängiger und bezogener Art und Weise besteht, den man als „relativen, konventionellen oder nominell existierenden Geist“ bezeichnen kann, über diesen Geist, seine Klassifizierungen und Unterteilungen sprechen wir.

So haben wir ihn gestern im Rahmen unserer Klassifizierungen unterteilt in Primärerkenntnis und Nicht-Primärerkenntnis; Primärerkenntnis dann weiter in Primärwahrnehmung und Primärschlussfolgerung, wobei wir Primärwahrnehmung noch einmal aufteilen können in vier oder drei Klassifikationen, je nach philosophischer Schule. Diese sind die Sinneswahrnehmung, die Denkwahrnehmung, die yogische Wahrnehmung und die selbsterkennende Wahrnehmung. In Bezug auf die Sinneswahrnehmung haben wir fünf Arten unterschieden, deren Merkmal es ist, auf der Grundlage ihres spezifischen Besitzumstands, dem jeweiligen physischen Organ zu entstehen. Der Besitzumstand der Denkwahrnehmung hingegen ist kein physisches Organ, sondern der zuvor auftretende Augenblick der Denkwahrnehmung. Der spezifische Besitzumstand der yogischen Wahrnehmung ist die Versenkung mit Verbindung von Konzentration und Analyse, von Samatha und Vipassana, von konzentrativer und analytischer Meditation. Ist diese Verbindung zur Vollendung gebracht, bildet sie die Grundlage für die yogische Wahrnehmung.

Darüber hinaus gibt es noch in den Schulen, die sie postulieren, die selbsterkennende Wahrnehmung. Ihr wird die Eigenschaft zugeschrieben, bei Fremdwahrnehmungen, das heißt Wahrnehmungen anderer Objekte, als aufzeichnende Wahrnehmung zu dienen. Diese Form der Wahrnehmung erfasst nichts anderes als Geisteszustände. Da das erfassende wie auch das erfasste Objekt Geisteszustände sind, heißt es auch, dass diese selbsterkennenden Wahrnehmungen ihr Objekt in nicht-dualer Weise erfassen. Die entsprechenden Schulen sind der Ansicht, dass die anderen Geisteszustände im Gegensatz hierzu im Erfassen ihres Objektes dualistisch sind.

Wenn die Rede von Meditation ist, findet man oft Leute, die sagen, dass sie Meditationen mit dem Objekt des Geistes ausführen. Die Beschreibungen ihrer Meditationen deuten darauf hin, dass sie eine solche selbsterkennende Wahrnehmung zum Objekt ihrer Meditation machen. Die Meditationen scheinen also darauf abzuzielen, die selbsterkennende Wahrnehmung zu entwickeln und zu stärken. Diejenigen, die sagen, dass sie über die Natur des Geistes meditieren, richten sich im Allgemeinen nicht auf die letztliche Natur des Geistes. Aus ihren Erklärungen lässt sich entnehmen, dass es sich um Meditationen über die Natur des Geistes in seiner Eigenschaft handelt, leer von Farbe und Form sowie klar und erkennend zu sein. Dies sind also keine Meditationen, die die letztliche Natur des Geistes in Betracht ziehen, sondern seinen ganz gewöhnlichen konventionellen Aspekt als Objekt haben. Fragen wir uns dann, was diese Meditationen eigentlich sind, dann liegt auf der Grundlage der Beschreibungen der Schluss nahe, dass sie nicht viel anderes sind als Meditationen zur Stärkung der selbsterkennenden Wahrnehmung.

Nun sollten wir uns im Klaren darüber sein, dass diese selbsterkennende Wahrnehmung nur von einigen Schulen akzeptiert wird und ihre Existenz fraglich ist, da die Madhyamika-Schule sie zum Beispiel verneint. Es gibt zweifellos Meditationen, die auf die konventionelle Natur des Geistes gerichtet sind, aber wenn die Erklärungen nicht sehr präzise sind, dann können sie leicht abgleiten in solche, die nicht viel mehr darstellen als einen Versuch, selbsterkennende Wahrnehmungen zu stärken. Die Erklärungen, die man immer wieder hört, besagen, dass die Meditationen den Geist zum Objekt haben, das, was meditiert werde, sei also Geist, das Objekt der Meditation sei ebenfalls der Geist, die beiden also nicht verschieden, sondern eins. Ferner habe dieses Objekt die Natur, lediglich klar zu sein, die Eigenschaft, lediglich erkennend zu sein und so weiter. Wenn man diesen Erklärungen wirklich nachgeht und prüft, was nun tatsächlich dabei gemacht wird, dann scheint es sich um den Versuch zu handeln, eine Vorstellung von solch einer selbsterkennenden Wahrnehmung zu projizieren. Es spricht nichts dagegen, so etwas zu tun, ob die Projektion allerdings der Wirklichkeit entspricht, bleibt dahingestellt.

Das heißt jedoch nicht, dass es keine Meditationen gibt, die den klaren und erkennenden Aspekt des Geistes zum Objekt haben. Der zentrale Geist hat viele Faktoren, die ihn begleiten, und einer von ihnen ist der Faktor, der „Aufmerksamkeit“ genannt wird. Nun ist es möglich, diese Aufmerksamkeit auf den zentralen Geist selbst zu richten und in dieser Weise Meditationen auszuführen. Hier handelt es sich dann um den Fall, dass dieser Faktor des Geistes, die Aufmerksamkeit, auf den zentralen Geist gerichtet ist, nicht aber um den Fall, dass der Geist auf sich selbst gerichtet ist. Diese beiden Fälle sind zu unterscheiden. Der Geist hat viele Faktoren wie Vertrauen, Erbarmen, Konzentration und so weiter, und auch die Aufmerksamkeit gehört zu ihnen. Diesen Faktor der Aufmerksamkeit können wir auf verschiedene Objekt richten, auf äußere Objekte, aber auch auf den zentralen Geist.

Es gibt also ganz präzise Methoden der Meditation, bei denen ein Faktor des Geistes, nämlich die Aufmerksamkeit, auf den zentralen Geist gerichtet ist. Unklare Anweisungen hingegen klingen so: „Der Geist ist auf sich selbst gerichtet, der Meditierende und das Meditierte sind das selbe, sind nicht verschieden, man betrachtet die lediglich erkennende, die lediglich klare Natur des Geistes“. Dies sind ungenaue Anweisungen, durch die man nicht zu einem klaren Verständnis kommen kann, auch wenn man sich sehr bemüht. Folgt man solchen unpräzisen Anweisungen, mögen sie am Anfang durchaus die Wirkung haben, den Geist etwas zu beruhigen, lösen dann aber im Laufe der Zeit mehr und mehr Verwirrung aus.
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